Nach dem Champions-Cup-Debüt gegen Mlada Boleslav im letzten Jahr bekommt es der HCR nun mit dem tschechischen Traditionsverein schlechthin zu tun – Tatran Střešovice. Die Aufgabe wird nicht leichter.
Mit 18 Meistertiteln ist Tatran Střešovice tschechischer Rekordmeister und ein Traditionsverein der ersten Unihockeystunde wie der HCR – einfach mit mehr Pokalen in der Vitrine. Und so wie es Fans gibt, die nicht wissen, woher der Name Rychenberg stammt, ist es auch beim Prager Verein. Der erste Teil ist einfach – Střešovice ist ein Stadtteil von Prag.
Bei Tatran wirds komplizierter. Gegründet wurde der Verein 1885 als Sokol Střešovice und war Teil einer im ganzen Land verbreiteten Turn- und Bewegungsorganisation. Erst den Nazis und dann den Kommunisten war diese grosse und demokratisch aufgebaute Struktur aber ein Dorn im Auge, daher wurden die Sokol-Strukturen erst unterdrückt und 1953 zerschlagen. Stattdessen wurden Sportvereine an Wirtschaftszweige angebunden, in diesem Fall an die Holzindustrie, die ihrerseits den Namen dem Tatra-Gebirge (heute an der Grenze zwischen der Slowakei und Polen) entnahm. Alles furchtbar kompliziert, auch viele Tschechen wissen nicht, warum Tatran Střešovice so heisst, wie es eben heisst.
Nach dem Ende des Kommunismus wurde Sokol wieder ins Leben gerufen, aber Tatran wollte seine Eigenständigkeit und Infrastruktur – inklusive der Sporthalle, die noch heute am Czech Open genutzt wird – nicht wieder hergeben. Ein diesbezüglicher Rechtsstreit wurde 1997 beigelegt. Die Halle gehört weiter Tatran, der (kleine) Sokol-Verein darf gratis auf dem Gelände mit Rundbahn trainieren.
Ein Grossbetrieb
War nach der Mitte des letzten Jahrhunderts noch Volleyball der Vorzeigesport des Vereins, ist es heute Unihockey. Tatran Střešovice zählt 1800 Mitglieder – 1200 davon sind Unihockeyaner. 900 sind im Ligabetrieb aktiv, mit Hobbyspielern und der Kooperation mit 13 Schulen wird die Mitgliederzahl vierstellig. Fun Fact: Hinter Bohemians und Sparta ist Tatran damit nur der drittgrösste Prager Unihockeyverein.
Eindrückliche Zahlen: Das Budget der Unihockey-Sektion beträgt 1.4 Mio Franken und der Verein beschäftigt acht Vollzeitangestellte in den Bereichen Sport (fünf), Marketing und Business (3). Ihr Chef, General Manager Jakub Menhart (quasi der Mario Kradolfer Tatrans), sagt dazu: „Vor zehn Jahren begann der Verband, die Vereine zu Angestellten zu verpflichten und leistete dabei eine Anschubfinanzierung. Heute gibt es bei den Vereinen über 200 Vollzeitbeschäftigte – das ist aus meiner Sicht der Schlüssel für die Erfolge im tschechischen Unihockey in den letzten Jahren.“ Menhart, ein ehemaliger Spieler von Bohemians, stieg vor neun Jahren beim kleinen Verein Kunratice als Manager ein und wurde dann von Tatran abgeworben.
Ein Viertel des Budgets wird von Sponsoren getragen (Menharts hauptsächliche Aufgabe), ein Viertel kommt aus staatlichen Mitteln (Kopfbeiträge pro Mitglied), der Rest aus Mitgliederbeiträgen und Events. „Das Budget hat sich seit meinem Einstieg verdreifacht. Es ist ein tägliches Klinkenputzen bei Sponsoren, um zusätzliche Mittel zu generieren“, sagt Menhart.
Rückkehr der Stars
Im Mai – und damit kommen wir zum sportlichen Teil – hatte Jakub Menhart einen besonders erfolgreichen Sponsorentermin. Er fand das Geld, das nötig war, um Filip Langer von Storvreta loszueisen. Dieser hatte dort noch einen laufenden Vertrag, wollte aber mit seiner Frau zurück in die Heimat. „Nach dem Gewinn des Triples mit Storvreta und kommunikativen Problemen im Verein wollte ich weg“, sagt der erst 24-jährige Superstar, der 2017 an der EFT in Kirchberg als 15-Jähriger (!) in der tschechischen Nati debütierte, als er in der heimischen Superliga noch gar nicht spielberechtigt war.
Kurz darauf wechselte er als 16-jähriger Gymnasiast zu Pixbo und lief dort in der SSL auf, später kehrte er nach Schweden zurück, um zwei Saisons für Kalmarsund und drei Spielzeiten für Storvreta zu absolvieren. Als dreifacher schwedischer Meister und Champions-Cup-Sieger kehrt er nun zu seinem Herzensverein zurück.
Da auch Nati-Kollege Ondrej Nemecek von Storvreta zu Tatran zurückkehrt, rechnet sich der Rekordmeister gute Chancen aus, die Lücke zu Mlada Boleslav wieder schliessen zu können.
Ein paar Facts
- Die grossen Namen
Tatran könnte nun mit Ondrej Nemecek, Milan Melis, Matej Havlas, Filip Langer und Marek Benes den kompletten ersten Block der tschechischen Nati ins Rennen schicken. Mit Tomas Hanak und Mikulas Komarek stehen weitere Internationale im Kader und auch Spieler wie Patrik Sebek oder Petr Majer gehören zum erweiterten Nati-Kader.
- Die ex-Weltmeister
Mit Havlas (zweimal!), Langer, Hanak, Sebek, Majer, Jonas Kreysa und Pavel Sladecek stehen sieben ehemalige U19-Weltmeister (die Tschechen holten 2019 und 2021 den Titel) im Kader. Adam Bures holte an der letzten U19-WM in der Schweiz „nur“ Silber.
- Das neue Wunderkind
Zusammen mit Mikes Motejzik (Mlada Boleslav) zählt Jonas Tuma zu den neuen Wunderkindern des Landes. Als Tatran letztes Jahr Zug United im Viertelfinal mit dem Gesamtskore von 18:10 ausschaltete, steuerte der 17-Jährige fünf Treffer bei.
- Legenden am Ruder
Kult-Goalie Tomas Kafka amtet als Präsident von Tatrans Unihockeyabteilung. Milan Fridrich ist der sportliche Chef der beiden Teams (die Frauen Tatrans treffen auf die Wizards) in der höchsten Liga. Und einigen dürfte auch Vladimir Fuchs (ex Hornets Bülach) noch ein Begriff sein. Auch er engagiert sich im Vorstand.
Aktuell ist Double-Gewinner Mlada Boleslav die Nummer 1 der Superliga und noch breiter besetzt als Tatran, das nach dem Champions-Cup-Sieg 2024 etwas genügsam wurde. Ziel ist, mit den zurückgekehrten Stars wieder an „Bolka“ vorbeizuziehen und auch international ein weiteres Ausrufezeichen zu setzen. Auf den HCR kommt viel Arbeit zu.
HC Rychenberg Winterthur vs. Tatran Střešovice
Hinspiel: Mittwoch, 23. September 2026, 20.00 Uhr, Live-Stream via IFF-App
Rückspiel: Mittwoch, 30. September 2026, 19.00 Uhr, AXA Arena
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